Das Job- und Karriereportal für WiWis

powered by

Suche
Close this search box.

Das ideale Vorstellungsgespräch

Michael Rossié
Inhaltsverzeichnis

Sollte man sich auf ein Vorstellungsgespräch überhaupt vorbereiten? Unbedingt! Aber wichtig ist, keine Sätze oder Formulierungen zurechtzulegen, sondern sich auf die Situation einzustellen, sozusagen den Arbeitsspeicher zum Thema Vorstellungsgespräch zu füllen.

"Sprich, damit ich dich sehe"

Versetzen Sie sich zunächst einmal in die Situation desjenigen, mit dem Sie das Vorstellungsgespräch führen. Da ist sicher jeder Personaler anders, aber es gibt ein paar Gemeinsamkeiten:

Sie werden eingeladen wegen Ihrer Unter­lagen. Ihr Lebenslauf, Ihr Anschreiben und Ihr Foto haben dazu geführt, dass man Sie persönlich kennenlernen will. Die Betonung liegt auf »kennenlernen«. Deswegen spie­len die Informationen, die Sie in so einem Gespräch geben, eine untergeordnete Rol­le. So komisch es klingt: Es ist schwer, all das, was Sie in Ihrem Lebenslauf so liebe­voll zusammengetragen haben, mündlich wiederzugeben. Schon bei der Anzahl der Hobbys oder der Reihenfolge der Praktika stoßen die meisten schnell an ihre Grenzen.

»Sprich, damit ich Dich sehe!« sagt So­krates. Das Thema, über das Sie reden, ist zunächst einmal zweitrangig. Im Gegenteil, es gibt Personaler, die Bewerber mit ganz abwegigen Themen überraschen, damit sie sehen können, wie spontan ein Bewerber ist. Wenn dieser Teil des Gesprächs ganz anders ist als der Rest, dann weiß er, dass der Rest geprobt wurde und der Bewerber auswendig gelernt hat.

Blöde Fragen gibt es auch nicht. Natürlich wissen Sie nicht, was Sie auf die Frage nach Ihrer besten Eigenschaft antworten sollen. Aber wie wäre es, genau das zu sagen. Sie wissen nicht, ob das eine ernst gemeinte Frage ist oder eine Falle, um zu sehen, wie Sie mit so einer Frage umgehen. (Und wenn es ernst gemeint ist, sollten Sie gut über­legen, ob Sie da überhaupt arbeiten wollen). Wenn Sie jetzt »Ungeduld« sagen und da­mit beweisen, dass Sie Bewerbungsratge­ber gelesen haben, sind Sie für eine ver­antwortungsvolle Position nicht geeignet.

Auch die Frage, wo man sich in fünf Jah­ren sieht, gehört zu den Fragen, auf die es keine klare Antwort gibt. Sagen Sie das und zeigen Sie, dass Sie sich damit auseinan­dergesetzt und sich vorbereitet haben. Dazu müssen Sie keine vorbereitete Ant­wort haben. »Antworten« heißt nicht immer »Beantworten«.

Die meisten Bewerber haben sich viel zu wenig auf die Firma vorbereitet, bei der sie sich vorstellen. Rudimentäre Kenntnisse über die Firma zu haben, bedeutet Desinter­esse und mangelnde Wertschätzung. Aber wenn Sie schon eine Menge wissen und möglicherweise ein paar Fragen für Ihren potenziellen Arbeitgeber vorbereitet haben, machen Sie damit Eindruck. Interessieren Sie sich, hören Sie zu und seien Sie wach­sam. Das beeindruckt. Natürlich ist jetzt nicht die Zeit, Forderungen zu stellen. Aber Sie sollten durchaus fragen, was man Ih­nen alles anbietet. Von der Fortbildung bis zum Dienstwagen. Wer fragt, hat sich vor­bereitet und weiß, was er will.

Und haben Sie am besten ein paar Ge­schichten parat, wo Ihnen die Arbeit Spaß gemacht hat, wann Sie einen schönen Tag hatten und was die großen Tage Ihres Studiums waren. Wenn Menschen über ihre Erfolge, ihre glücklichen Tage oder ihre Phantasien erzählen, leuchten ihre Augen und sie werden sympathischer. Um diese Seite von Ihnen kennenzulernen, muss ich Sie persönlich sehen und mit Ihnen sprechen.

 

So wird das Vorstellungsgespräch zum Erfolg

Was es zu beachten gilt:

  • Eigentlich muss ich nicht schreiben, dass Sie pünktlich sein sollten, und doch schei­tert es oft genau daran. Wenn Sie nicht pünktlich sind, wird Ihnen eine Menge unangenehmer Eigenschaften zugeschrie­ben, die Sie wahrscheinlich gar nicht be­sitzen.
  • Sie dürfen nervös sein. Nervosität beim Vorstellungsgespräch ist eine Frage der Wertschätzung. Dieses Gespräch ist Ih­nen wichtig, möglicherweise sogar sehr wichtig. Deswegen sind Sie nervös. Das ist eine wunderbare Botschaft.
  • Recherchieren Sie Ihren Gesprächspart­ner und nicht nur die Firma. Wenn Ihnen etwas auffällt, wäre das ein toller Ein­stieg. Fragen Sie ihn oder sie, wie der Name richtig ausgesprochen wird, wenn er schwierig ist, ohne den Namen nun dauernd zu wiederholen.
  • Googeln oder Bingen Sie sich einmal selbst. Das hat Ihr Gegenüber auch ge­tan. Und aus dieser Richtung werden die Fragen kommen. Entschuldigen Sie sich für keinen Eintrag oder ein Foto. Sie kön­nen Einträge entfernen, aber von allem, was zu sehen ist, wollen Sie, dass es zu sehen ist, auch wenn es ein Strandfoto auf Malta ist.
  • Ihr Gegenüber ist nicht Ihr Gegner, son­dern Ihr Partner. Der wäre auch froh, wenn Sie ihm gefallen und er keine weiteren Gespräche führten müsste. Die sind näm­lich auch für ihn oder sie anstrengend.
  • Zuhören ist keine vertane Zeit. Im Gegen­teil. Es ist nicht sympathisch, jede Minute mit seinen großen Erfolgen zu füllen. Ma­chen Sie sich nicht interessant, sondern seien Sie interessiert. Angeben ist über­haupt nicht gut. Packen Sie Ihre guten Noten und Ihre großen Leistungen in Ihren Lebenslauf, das entlastet das Gespräch.
  • Wer fragt, der führt. Trotzdem sollte das Gespräch kein Verhör werden. Von bei­den Seiten nicht. Aber wenn zum Beispiel der erste Gedanke von Ihnen kommt, wird der Einstieg leichter. Machen Sie eine Bemerkung über den Blick aus dem Fenster oder die Ausstattung des Kon­ferenzraumes. So überbrücken Sie die ersten Minuten. Und wenn Sie es schaf­fen, dass Sie beide herzhaft lachen, wäre das ein wunderbarer Einstieg in Ihr Vorstellungsgespräch.
  • Wer sich beim Vorstellungsgespräch ver­stellt oder verkleidet, muss das, wenn er genommen wird, den Rest seines Fir­menlebens tun. Ganz davon abgesehen, dass Sie nicht wissen, welcher Mensch vor Ihnen sitzt. Wenn Sie nicht genom­men werden, müssen Sie immer mit dem Zweifel leben, wie es gewesen wäre, wenn Sie so frech, so unkonventionell, so anders gewesen wären, wie Sie wirklich sind. Vielleicht hätte Ihrer neuen Chefin genau das gefallen.
  • Haben Sie keine Angst, von Misserfolgen zu erzählen, von vertanen Semestern oder von Auszeiten auf Hawaii. Ein ma­kelloser Lebenslauf ist eher verdächtig. Und jemand, der schon mal unten war und sich wieder nach oben gekämpft hat, ist deutlich attraktiver.
  • Wenn Sie eine Frage überrascht, dann sagen Sie, dass Sie die Frage überrascht. Wenn eine Frage schwierig zu beant­worten ist, dann sagen Sie, dass die Fra­ge schwierig zu beantworten ist. Wenn Sie etwas wundert, dann sagen Sie, dass Sie sich gerade wundern. Aber verges­sen Sie die drei Regeln aus dem Kom­munikations-­Grundkurs, um Zeit zu ge­winnen: 1. Fragen wiederholen, 2. Frage toll finden, 3. Eine Gegenfrage stellen. Ihr Gegenüber kennt diese Techniken und wird über Sie lachen.
  • Die beste Möglichkeit, Zeit zu gewinnen, ist laut zu denken. Sprechen Sie Ihre Gedanken laut aus. Es sei denn, bei der Frage oder dem Thema gehen Ihre Alarmglocken an, weil Sie darüber nicht sprechen wollen. Aber auch hier ist die Lösung einfach: Sagen Sie, dass da bei Ihnen die Alarmglocken losgehen und überlegen Sie »öffentlich«, ob Sie darüber reden wollen oder nicht. Solange Sie redend überlegen, schießt deutlich weni­ger Adrenalin ein, als wenn Sie schwei­gen und das kleine Männchen auf Ihrer Schulter Sie antreibt, eine Antwort zu geben.
  • Behandeln Sie hypothetische Fragen mit äußerster Vorsicht. Das Spiel »Was wäre wenn, …« kann sehr gefährlich werden und Sie könnten sich später über Ihre Antworten ärgern. Sie arbeiten noch nicht für diese Firma, Sie sind nicht der Chef dort und Sie verfügen nicht über einen unbegrenzten Etat. Über diese Möglichkeiten brauchen Sie gar nicht nachzudenken.
  • Vergessen Sie alle Techniken, andere zu beeinflussen! Versuchen Sie nicht, den Persönlichkeitstypus Ihres Gegenübers herauszubekommen! Sprechen Sie nicht die verschiedenen Sinnesorgane an und was da heute so alles gelehrt wird. Das meiste ist wissenschaftlich nicht haltbar. Und es hat die unangenehme Neben­wirkung, dass Sie sich in einer Stress­situation darauf konzentrieren müssen. Der andere merkt sofort, wenn Sie nicht bei der Sache sind.
  • Sollten Sie schon woanders gearbeitet haben, dann erzählen Sie nichts Nega­tives über Ihre ehemaligen Arbeitgeber oder die Uni. Es kann sein, dass Sie sich oft geärgert haben oder dass Sie sich nicht wohl gefühlt haben. Das ist absolut in Ordnung. Aber Geschichten über blöde Chefinnen, inkompetente Teamleiter oder dumme Professoren hören Personalver­antwortliche außerordentlich ungern.
  • Auf die Frage, ob Sie eine Vorstellung über die Höhe des Gehaltes haben, soll­ten Sie auf jeden Fall eine Antwort geben. Die sollte nicht lauten: Soviel, wie ich zum Leben brauche. Was Sie brauchen, interessiert niemanden. Es gibt im Inter­net zu jedem Beruf Gehaltstabellen. Aber um das Gehalt wird am besten nicht ge­feilscht, das ist kein Einkauf auf einem ägyptischen Basar. Sie sind nicht der erste auf dieser Stelle und Ihr Arbeitge­ber weiß jetzt schon, was er Ihnen zahlen möchte. Liegt die Zahl auf dem Tisch, haben Sie Zeit zu überlegen.
  • Eine Entscheidung muss nicht sofort fal­len. Es ist kein Desinteresse, wenn Sie noch einmal überlegen müssen. So ein Gespräch ist eine unangenehme Situa­tion und der falsche Ort, um lebensent­scheidende Zusagen zu machen. Über­legen Sie in Ruhe, ob Ihnen Tätigkeit, Ort und Gehalt zusagen und melden Sie sich dann. Aber halten Sie die Frist ein. Wenn Sie versprochen haben, sich in zwei Tagen zu melden und es dauert drei, geht dasselbe Gedankenkarussell los, als wären Sie unpünktlich gewesen.
  • Klammern Sie sich nicht an dieses eine Bewerbungsgespräch und setzen all Ihre Hoffnung darauf. Es ist besser, sich nach dem Gespräch zumindest weiter umzu­sehen. Es gehört auch viel Glück dazu. Oft entscheidet nicht die Qualität des Bewerbers. Wenn man mitbekommt, nach welchen Kriterien manchmal jemand eingestellt wird, dann kann man nur mit dem Kopf schütteln. Es müssen beide Seiten wollen, sonst wird die Arbeit kei­nen Spaß machen.
  • Seien Sie freundlich, echt, natürlich, auch wenn das bedeutet, dass Sie einmal verquält lächeln, unbeholfen reagieren oder nicht wissen, was Sie sagen sollen. So sind Sie nun mal. Und wenn man Sie will, gibt es Sie nur als Komplettpaket.

 

 

Vorab veröffentlicht im WiWi Career 2020/2021.

Der Artikel gefällt dir? Dann teile ihn doch gleich für deine Kontakte.
Facebook
Twitter
LinkedIn
XING
WhatsApp